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Das Gut Gehmkow7 - Geschichtlicher Überblick unseres Gebietes

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Das Gut Gehmkow7


Die beiden Frauen, Töchter von Echard von Heyden-Linden, waren so freundlich, uns ihre Erinnerungen an die Zeit auf Gut Gehmkow aufzuschreiben. Wir danken ihnen herzlich dafür und möchten sie wörtlich zitieren:

Im Jahre 1887 kauften unser Großvater Friedrich von Heyden-Linden und seine Frau Carola, geb. v. d. Lancken-Wakenitz das Gut Gehmkow. Sie wohnten vorher in Lindenhof, das sie auch weiterhin besaßen und bewirtschafteten. Sie hatten sechs Kinder, von denen die beiden jüngsten in Gehmkow geboren wurden: Jürgen, Ilse, Rüdiger, Echard, Barbara und Dietrich. Ilse wurde eine bedeutende Malerin. Sie hat viele schöne Bilder hinterlassen, wovon einige auch im Kreisheimatmuseum in Demmin hängen.

Unser Großvater starb 1904, danach bewirtschaftete unsere Großmutter Gehmkow allein, bis sie es 1912 ihrem ältesten Sohn Georg (genannt Jürgen) übergab und nach Demmin in ein schönes Haus am Mühlenteich zog, wo sie bis zu ihrem Tode (1942) lebte. Jürgen heiratete am 9.7.1914 die Ganschendorfer Nachbarstochter Margot von Maltzahn. Leider blieb Margot schnell allein in Gehmkow. Ihr Mann war Offizier und musste in den Krieg. Im November 1918 starb er an einer Verwundung. Die Ehe blieb kinderlos und Margot verließ Gehmkow im Jahre 1919 und heiratete 1921 Maximilian von Oertzen.

Unser Vater Eckard war von 1911 an in Ostafrika als Offizier der deutschen Schutztruppe gewesen, bis er 1917 dort in Gefangenschaft geriet. 1920 wurde er aus Ägypten nach Hause entlassen. Er übernahm Gehmkow und heiratete 1922 Eva Flach aus Stockholm, Schweden. 1923 wurde Gunilla geboren, 1925 Armgard. Wir hatten eine herrliche Kindheit, an die wir gern zurückdenken.

Im Park befindet sich ein altes Hünengrab auf dem früher eine jahrhundertealte hohle Eiche stand, in der man herrlich spielen konnte. Das Hünengrab war teilweise ausgehöhlt (die dort ausgegrabenen Schätze kamen in ein Museum in Stettin) und wurde als Eiskeller benutzt. Im Winter wurden Eisblöcke aus den Teichen gesägt und im Eiskeller mit Strohballen isoliert. So hielten sie sich bis lange in den Sommer hinein, manche tauten nie auf. Elektrische Kühlschränke gab es damals noch nicht, aber wir hatten mit Zink ausgeschlagene Kisten, in die solche Eisblöcke gelegt wurden, wenn sich etwas besonders kalt halten sollte.

Um den Park herum verläuft der Augraben, in dem wir Kinder im Sommer badeten. Er war so flach, dass man leider nicht schwimmen lernte. Und eigentlich war er etwas eklig mit seinem schlammigen Boden, aber was tat das? Es konnte auch passieren, dass einige Blutegel sich an unsere Beine setzten, aber die konnte man leicht abnehmen (wenn sie „satt“ waren!).

Einen Trecker hatten wir erst in den letzten Jahren, aber die meiste Arbeit wurde auch dann noch mit Pferden gemacht. Wir hatten sechs Gespanne (ein „Gespann“ waren vier Pferde). Für jedes Gespann hatte ein Mann die Verantwortung. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen, wurden sie oft durch den Augraben neben der Brücke nach Hohenbollentin geführt, um sie zu erfrischen und zu trinken.

Alles Gemüse hatten wir aus dem Gemüsegarten, den Gustav Warnemünde leitete und in dem er zwei bis drei Lehrlinge ausbildete. Aus diesem Garten wurde auch verkauft. Im Frühling Pflanzen, und das ganze Jahr über Kränze für Beerdigungen oder Trauertage. Jeden Sonnabend fuhren Herr Warnemünde und die Lehrlinge (manchmal durfte auch eine von uns mit) ganz früh morgens mit dem hochbeladenen Pferdewagen zum Markt nach Demmin. (Die Vorbereitungen für den Markt wurden am Freitag gemacht. In den Ferien halfen auch wir Kinder dabei – für 10 Pfennig die Stunde!) Einmal im Monat war große Wäsche. Zur Hilfe kamen einige Frauen aus dem Dorf. Vorher wurde Seife gekocht (Kernseife aus Knochen mit einem Zusatz aus Soda oder Natron). Es gab damals noch keine Waschmaschinen und deshalb wurde die Wäsche in einem großen Kessel in der Waschküche gekocht und in Holztrögen gewaschen. Hinterher flatterte die Wäsche zum Trocknen hinter dem Haus auf dem großen Rasenplatz. Zum Plätten kam dann Frau Herrmann. Bis ein elektrisches Eisen gekauft (oder erfunden) wurde, hatten wir eine Menge kleine Eisen, die auf einem 8eckigen eisernen Ofen „hingen“, der mit Steinkohle geheizt wurde. Wenn eins erkaltet war, tauschte man es gegen ein anderes ein.

Der Hof bestand aus folgenden Gebäuden:

Links vom Haus aus gesehen stand der große Kuhstall mit ca. 60 Milchkühen, Sterken und einem Bullen (der es herrlich fand, wenn unser Vater ihm mit dem Spazierstock den Rücken kraulte).

Die Kälber hatten einen eigenen Stall.

In der Verlängerung, hinter dem Weg nach Hohenbollentin, wo jetzt das Haus von Hermann Kohs steht, stand der so genannte Fohlenstall, der außerdem Scheune war.

Rechts dem Kuhstall gegenüber auf der anderen Hofseite stand eine große Heu- und Strohscheune.

In deren Verlängerung, wiederum hinter dem Weg nach Hohenbollentin, stand der so genannte Schafstall. Die Schafe mussten in den 30er Jahren abgeschafft werden, weil sie eine ansteckende Krankheit hatten.

Der Stall wurde danach anderweitig verwendet. Am Schafstallgiebel hing eine Glocke die morgens zum Arbeitsanfang geläutet wurde, zur Mittagspause, zu deren Ende und abends zum Feierabend. Die Arbeit begann im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr, Feierabend war im Winter um 6 Uhr, im Sommer, wohl je nach Bedarf und wetterabhängig, später (8 Uhr). Mittagspause war immer von 12 bis ½ 2 Uhr.

Rechts, schräg gegenüber vom Wirtschaftshaus steht der große, ehemalige Pferdestall mit Garagen und im Obergeschoß Getreidespeicher (inzwischen ausgebaut).

Weiter rechts im rechten Winkel dazu der ehemalige Schweinestall, dem Herr Krasemann vorstand.

In seiner hinteren Verlängerung lag die Schmiede. Es war immer spannend, dort zuzusehen, wenn Herr Eggert z.B. Pferde beschlug, erst die Eisen passend schmiedete und sie dann den Pferden heiß anpasste, so dass der Huf ein bisschen anbrannte, was ganz schön roch. Herr Eggert meinte der Geruch sei gut gegen Schnupfen (mancher hielt ihn für Gestank). Herr Eggert schmiedete auch Eisenreifen für die hölzernen Räder der Ackerwagen. Zum „Abhärten“ wurden sie in den Teich vor der Schmiede gelegt.

Am vorderen Ende der großen Scheune rechts lag die Stellmacherei, auch dort sahen wir oft und gern zu, wenn Herr Brumshagen für unsere Begriffe wahre „Wunderwerke“ fabrizierte. Im Krieg machte er uns Holzsohlen, gegen den wir Stoff nagelten, so dass sie wie Sandalen aussahen. Ich – Gunilla – war damals in Berlin und wurde sehr darum beneidet. Auch Holzpantoffeln wurden dort hergestellt. In der Werkstatt roch es so gut nach frischem Holz und mit den Abfällen ließ es sich so herrlich spielen

Im Oktober fand das Erntefest statt. Dazu wurde eine hübsche „Erntekrone“ gebunden, die jeweils bis zum nächsten Jahr oben in unserem Haus auf der so genannten Diele hing. Das Fest fand mit Tanz und Erfrischungen auf dem Kornboden statt und dauerte bis lang in die Nacht (oder bis in den frühen Morgen) hinein. Es war unserer Erinnerung nach das schönste Fest des Jahres neben Weihnachten. Mit allen zum Gut gehörenden Menschen (dazu zählten auch die so genannten „Freiarbeiter“ aus Kaslin) waren wir sicher 100 Leute, wenn nicht sogar mehr. Hatte einer wirklich zu viel getrunken (was schon vorsichtshalber selten vorkam), wurde er kurzerhand von seinen Kollegen die Treppe hinunter geworfen. So blieb die Stimmung fidel, wie es sein sollte.

Weihnachten spielte sich 22 Jahre, solange unsere Eltern in Gehmkow wohnten, folgendermaßen ab: Einige Tage vorher suchte Herr Warnemünde (bis zum Krieg zusammen mit unserem Vater) für jede Familie im Dorf einen schönen Baum aus, meistens in der Schonung der „Kleinen Wälder“ gegenüber vom Dorf hinter dem Friedhof. Für unser Haus wurden zwei etwas größere Bäume ausgesucht. Sie wurden im großen Esszimmer (links von der Haustür, wenn man vor dem Haus steht) aufgestellt und geschmückt. Einen davon behielten unsere Familien, den anderen bekam nachher die jeweilige Köchin, Mamsell genannt. Dann wurde der große Esstisch ausgezogen, so weit es ging und rundherum stellten wir Teller auf. Meistens waren es ca. 40, für jedes Kind im Dorf einen. Diese wurden gefüllt mit verschiedenen Pfefferkuchensorten, Süßigkeiten und kleinen Weihnachtsäpfeln, die „Pippins“ genannt wurden. Sie waren sehr aromatisch (grün mit einem rosa Bäckchen). Und jedes Kind bekam ein Spielzeug. Unsere Mutter war vorher in Demmin gewesen und hatte, nachdem wir zusammen überlegt hatten, was jeder gebrauchen könnte, einen Großeinkauf im Spielzeugladen Matts in der Hauptstraße gestartet. Die Frauen, die täglich zum Melken kamen, bekamen neben dem bunten Teller einen Schürzenstoff oder was sie sich wünschten, ebenso die Hausangestellten. Am Nachmittag vor Heiligabend erschienen dann alle. Im mit Kerzen festlich erhellten Raum sangen wir die alten Weihnachtslieder, jemand las die Weihnachtsgeschichte vor und fast jedes Kind musste dem Weihnachtsmann ein kleines Gedicht aufsagen. Den Weihnachtsmann mit großem Rauschebart stellte Gustav Warnemünde dar. Wir bemerkten bald, dass er einen alten Pelzmantel unseres Vaters trug, sagten es aber niemand und glaubten trotzdem noch lange an den Weihnachtsmann! Soviel über die Höhepunkte des Jahres.

Es gab natürlich auch „Tiefpunkte“, wie z.B. Krankheit, Tod oder Unwetter, aber auch „zu trockene“ oder „zu nasse“ Sommer, wovon die Ernte jeweils abhing und unser aller „Auf und Ab.“ Unser Nachbar, Herr Brandt in Pentz sagte dann jedes Mal, “Dieses Jahr gibt es eine totale Missernte. Man kann schon die kahlen Stellen auf dem Zuckerrübenfeld sehen!“ Aber so schlimm wurde es offenbar niemals. Jedenfalls kamen wir „über die Runden“ und die Löhne konnten immer ausgezahlt werden.

Mit Arbeitskräften schwierig wurde es im Kriege, als leider alle jungen Männer eingezogen wurden (mancher unserer Freunde musste dabei sein Leben lassen).

Als Ersatz für die fehlenden Arbeiter bekamen wir 18 russische Kriegsgefangene aus einem Lager in Greifswald, zusammen mit einem „Wachmann“, einem deutschen, älteren Soldaten, der nicht der Klügste war und sonst wohl nicht so recht zu gebrauchen war. Sie waren am Tage frei, mussten aber abends in ihrer Unterkunft neben dem Wirtschaftshaus eingeschlossen werden. Sie stammten wohl großenteils aus der Ukraine, sangen abends ihre wunderschönen Lieder, im Sommer auf dem Platz vor der Küche, wo wir alle kräftig mitsangen (die Kommunikation mit ihnen war für Deutsche strengstens verboten, aber was scherte uns das?). Es waren nette Leute und untereinander waren wir ja keine Feinde. Der Wachmann verstand sich selbst gut mit ihnen. Eines Tages fand unsere Mutter ihn als Aufsicht bei der Arbeit auf einem Stuhl sitzend, eingeschlafen über dem auf seinen Knien liegenden Gewehr. Unsere Mutter musste lachen, da fuhr er hoch und sagte: „Ich schlafe gar nicht, betrachte mich nur von innen!“ Keiner seiner Schützlinge versuchte ihn zu überlisten. Aber in zwei Nächten hintereinander verschwanden alle 18, zuerst 6 oder 7, nachher der Rest aus der verschlossenen Unterkunft mit Stacheldraht vor den Fenstern. Das Heimweh hatte sie wohl übermannt. Wir hörten nichts mehr über sie, bekamen auch keine Scherereien ihrer Flucht wegen, auch der Wachmann nicht. Wir hofften alle, dass sie nicht „geschnappt“ worden waren.

Für sie kamen dann 18 Franzosen, die in Bunkern in der Maginot – Linie gesessen hatten, als der Krieg begann. Beim ersten Schuss irgendwo waren sie alle aus ihren Bunkern gekommen, hatten die Hände erhoben und warfen ihre Waffen hin. Es waren alles Reservisten, die gern ihr Leben erhalten wollten. Sie waren bald keine Kriegsgefangenen mehr, weil Deutschland mit einem Teil von Frankreich ein Abkommen traf, arbeiteten aber bis zum Schluss des Krieges bei uns, jeder so gut er konnte. Die meisten hatten ganz andere als auf dem Lande erforderliche Berufe. Heute würde man sagen, „wir arrangierten uns!“ Der Wachmann blieb uns erhalten, brauchte aber nicht mehr abzuschließen. Post bekamen sie direkt von zu Hause und nicht mehr kontrolliert vom Lager in Greifswald.

Apropos Post: Unsere Mutter hatte mehrere Jahre die Poststelle in Gehmkow. Von wann ab können wir uns nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich erst seit Kriegsbeginn. Unsere Mutter machte diese Arbeit sehr gern, auch das Austragen im Dorf, bei dem sich immer die Möglichkeit eines kleinen „Klöns“ hier und da ergab. Die Post wurde mit einem Auto gebracht. Ab Ende Januar lag damals meistens soviel Schnee, dass ohne Pferdeschlitten von einem Dorf zum anderen kein Durchkommen mehr war.

Wir selbst fuhren dann auch Schlitten, hatten einen kleinen zweisitzigen „Einspänner“ und einen viersitzigen großen für zwei Pferde. „Wie der Wind“ jagten wir die zugeschneiten Straßen und Wege entlang, manchmal – um das Wild zu füttern – auch querfeldein. Für die Pferde waren Schlitten wesentlich leichter zu ziehen als schwere Wagen. „Geräumt“ - wie man heute sagt – wurde damals selten, man behalf sich so. Nur die Kleinbahnstrecke wurde freigeschaufelt. Mehrere Hohlwege, durch die die Bahn fuhr, wehten manche Winter, manchmal auch mehrmals, zu. In Stufen übereinander mussten in Gehmkow alle verfügbaren Männer den Schnee wegschaffen, um die Straße freizukriegen.

Die Kleinbahn war nicht nur für den Personenverkehr von Bedeutung, sondern mehr noch für den Gütertransport notwendig. (Es gab damals weder Lastwagen wie heute, noch waren die Straßen dafür gebaut.) Im Herbst standen die bestellten Güterwagen an der Station bereit, um zügeweise Zuckerrüben in die Zuckerfabrik nach Demmin zu schaffen, wochenlang davor waren es Kartoffeln, die über den „Ein- und Verkaufsverein“ verkauft wurden. Sie und die Rüben wurden „vierspännig“ mit den schweren Ackerwagen zur Station gebracht. Weniger als vier Pferde hätten diese Wagen durch die dazu noch oft aufgeweichten Ackerwege gar nicht ziehen können.

Wenn eingekauft wurde, fuhren wir meist nach Demmin. Entweder mit Pferd und Wagen oder mit der Kleinbahn. 1938 kauften unsere Eltern ein Auto (die Freude daran war nicht lang, weil wir schon ca. ab 1942 nicht mehr fahren durften).

Die Kleinbahn wurde nach dem Krieg auf Befehl der Russen demontiert. Jedes Dorf musste dafür sorgen, dass die Strecke innerhalb seiner Grenzen abgebaut wurde. Unter Aufsicht von russischen Soldaten (in einer Hand eine Peitsche, in der anderen Hand eine Schnapsflasche) war es für uns Gehmkower Mädchen Schwerstarbeit, die Schienen abzubauen und zu verladen.

Noch vor Anfang des Krieges 1939 wurde unser Vater zum Militär eingezogen. Er war Reserveoffizier und mit über 50 Jahren nicht sonderlich begeistert; abgesehen davon, dass er mit den Nazis nicht viel im Sinn hatte, sah er in einem Krieg keine Chance für die Deutschen. Aber wer durfte damals schon seine ehrliche Meinung sagen, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen?

Unser Inspektor machte die Wirtschaft in Gehmkow mit gelegentlichem Briefwechsel mit unserem Vater. Dieser, Herr Richard Schmidt, blieb auch unter der Besatzung noch eine Weile in Gehmkow, bis er nach Lindenhof kam und dort das Staatsgut leitete.

Unser Vater kam nach Kriegsende in englische Gefangenschaft, aus der er bald in Schleswig-Holstein entlassen wurde. Nach unserer Flucht im Herbst 1945 trafen wir ihn dort wieder. Wir wohnten zuerst bei Hamburg, unsere Eltern gingen 1966 in ein Altersheim bei Kiel. Dort starb mein Vater 1968, unsere Mutter im Jahre 1976.

Über die Vorbesitzer von Gehmkow wissen wir leider nicht viel, alle Akten gingen ja 1945 verloren. Der letzte Besitzer vor unserem Großvater war ein Herr Grönlund. Näheres über die Familie ist uns nicht bekannt.“

Nachtrag zum ersten Brief:

„In den Sommerferien halfen wir, wie gesagt, in der Gärtnerei jeden Freitag bei den Vorbereitungen für den Markt in Demmin: Radieschen und Mohrrüben bündeln, Erdbeeren in kleine Schachteln pflücken, ebenso später Tomaten, die feldmäßig angebaut wurden. Zwei Cousinen Hoffmann aus Potsdam, die alle Sommerferien bei uns verbrachten, halfen fleißig mit. Für das verdiente Geld, wie schon berichtet 10 Pfennig die Stunde, kauften wie dann Süßigkeiten (etwas, was es sonst nie gab), fuhren damit zu unserer Großmutter nach Demmin am Mühlenteich und machten dort ein „Fressfest“ und spielten in ihrem kleinen Park in einer Ruine Theaterstücke, wozu die ganze Familie kommen musste, natürlich Eintritt bezahlend! Die „Kostüme“ bekamen wir von der Großmutter aus ihrem unerschöpflichen Reichtum an alten Kleidern und Hüten, die man früher ja immer „für alle Fälle“ ewig aufbewahrte.

Außer den Marktvorbereitungen im Garten, pflückten wir tagelang Johannisbeeren, wofür es kein Geld gab, weil sie ja für den Haushalt gebraucht wurden. Wir taten es nie ungern, hatten eine Menge Spaß dabei und viel zu naschen. Im Kriege mussten wir auch gelegentlich auf dem Feld helfen. Wenn es – wetterbedingt – eilig wurde, zum Beispiel bei der Kartoffelernte. Tagelang sammelten wir die Kartoffeln, die vor uns her ein Mann mit einer Maschine ausgrub, in Körbe. Ohne aufzublicken, rannten wir ständig gebückt reihauf, reihab – begriffen, was Akkordarbeit war, jede von uns allen versuchte, den Rekord zu erzielen. Leider habe ich vergessen, was wir dabei verdienten, aber es waren mehr als 10 Pfennig die Stunde, wurde ja kiepenweise bezahlt. Auch dabei waren wir sehr vergnügt, außer, wenn es zu sehr regnete und die Klamotten wie nasse Säcke an einem hingen.

Im Sommer durften wir, sobald wir älter waren, auch bei der Ernte helfen. Zuerst die großen Leiterwagen stückweise weiterfahren, je nachdem wie die Männer die Garben auf den Wagen warfen; später auch beim bauen der großen Stroh-Kornmieten helfen, was aber eine besondere Ehre war. Wir standen mit vier bis fünf Leuten oben und mussten die Garben, die der „Höhenförderer“ uns ohne Pause zuwarf, so packen, dass die Miete formgerecht wurde, vor allem gerade und fest, so dass sie kein Wasser aufnehmen konnte. Wenn die Männer uns ärgern wollten, schickten sie so viele Garben nach oben, dass wir schnell in den Massen versanken und kaum schafften, wieder freizukommen. August Baumann, der schon damals (für meine Begriffe) ziemlich alt war, passte auf, dass alles seine Richtigkeit hatte. Er sagte einmal zu mir: “Du musst aufpassen, dass du nicht „untergebuttert“ wirst, immer zusehen, dass du die Garben unter die Füße kriegst. So ist das sonst im Leben auch!“

Etwas vergaß ich noch: nämlich, dass wir ja die Grundschule in Caslin besuchten und bei Lehrer Wangemann einen ausgezeichneten Unterricht hatten, was später in der Oberschule bemerkt wurde. Gertrud Seidensticker, geb. Latawitz, sagt neulich noch einmal, der Unterricht in Caslin hätte sie enorm im Leben weitergebracht, obwohl sie niemals eine weiterführende Schule besucht hat. Wir waren ja alle in einem Raum, was man sich heutzutage kaum noch vorstellen kann.

In meiner Kindheit war man ja wesentlich bescheidener als heutzutage. Wir gingen natürlich zu Fuß, was wir sehr genossen. Wir machten allerlei Unsinn unterwegs und ich verstehe heute noch nicht, dass wir jemals pünktlich ankamen – auf dem Nachhauseweg war das ja nicht so wichtig. Auch im Winter fing die Schule um 7 Uhr an! Auch Eis und Schnee waren kein Hindernis, um da anzukommen. Wenn es zu glatt war, zog man über die Schuhe oder Holzpantoffel (was die meisten Kinder hatten) einfach dicke Wollsocken der Väter über, die genügend „bremsten“. Oft hatten wir die Schularbeiten nicht fertig. Dann setzten wir uns bei Wind und Wetter in den Hohlweg auf dem Mühlenberg und machten sie dort.

Egal wie das Wetter war, mussten wir morgens vor der Schule warten, bis Herr Wangemann sie um 7 Uhr aufschloss.


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